IMJA 2017

International Music Journalism Award - Let's celebrate Music Journalism


Die Gewinner wurden gewählt:

Beste musikjournalistische Arbeit des Jahres (international)

Beste musikjournalistische Arbeit des Jahres (deutschsprachig)

Beste/r Musikjournalist/in des Jahres (international)

Beste/r Business-Musikjournalist/in des Jahres (deutschsprachig)

Beste musikjournalistische Arbeit U30 (deutschsprachig)

Music Journalistic Work of the Year (International)

Hayden Coplen: How LA Got Its Jazz Mojo Back

Musikjournalismus sieht heute neuen Herausforderungen entgegen. Es geht nicht mehr um die Dokumentation dessen, was ohnehin schon da ist, denn über die einschlägigen Online-Kanäle kann sich der jeweilige Hörer, Leser und User selbst informieren. Es geht viel mehr darum, Musik in einen größeren intermedialen, kulturellen und sozialen Kontext zu stellen und mit Mitteln wie Neugier und Panoramablick Zusammenhänge aufzudecken, die andernfalls nicht auf der Hand liegen würden. Dies gelingt dem amerikanischen Journalisten Hayden Coplen auf beispielhafte Weise in seinem Artikel „How Los Angeles Got Ist Jazz Mojo Back“ für das Gear Patrol Magazine.
Mit Sachverstand und Einfühlungsvermögen erzählt Coplen die Geschichte des Jazz in Los Angeles und stellt mit narrativer Leichtigkeit die Gegenwart der Vergangenheit gegenüber. Er wendet sich ausdrücklich nicht an den Jazzfan oder Auskenner – wobei auch der seine Freude an der Story haben dürfte – sondern richtet sich mit seiner ebenso kurzweiligen wie launigen Darstellung an den musik- oder kulturinteressierten Leser schlechthin. Es gelingt ihm, Menschen, Zeiten und Orte in der Imagination des Lesers zu einem vierdimensionalen Wimmelbild zu verdichten. Elegant verbindet er das Bekannte mit dem Unbekannten, das Etablierte mit dem, was sich vielleicht noch durchsetzen muss. Er braucht erstaunlich wenige Worte, um trotzdem mit Hilfe unterschiedlicher Sozialisationen und Rezeptionsebenen des Jazz ein Porträt von Los Angeles im Lauf eines reichlichen halben Jahrhunderts zu skizzieren.
Man kann aus diesem Panorama-Bild einen Artikel über Jazz destillieren, in dem man viel über die Seele einer Metropole erfährt, oder einen epochalen musikalischen Stadtplan von Los Angeles aufschlagen, der einen unweigerlich zum Jazz von Dexter Gordon oder Kamasi Washington führt.

Text: Wolf Kampmann


Music Journalistic Work of the Year (German language)

Hans Nieswandt: Von Disco zu Disco

Aus Anlass des vierzigsten Jahrestages der Eröffnung des Studio 54 in New York schreibt Hans Nieswandt im Rolling Stone über die Genese des Disco Sound und dem was daraus wurde. Dass die Überschrift des Artikels identisch ist mit dem grössten Hit seiner Band Whirlpool Produktions, weist schon darauf hin, dass es sich hierbei um alles andere als eine herzlose Auftragsarbeit handelt. Discomusik und House stehen vielmehr im Kern seines Schaffens als Musiker und die Intensive Beschäftigung mit allen Facetten des Genres, spricht hier aus jedem Satz. Mit der Leichtigkeit eines Reiseführers, dessen tägliches Brot die Vermittlung dieser Geschichte ist und der zu jedem angesprochenen Aspekt immer noch viel mehr zu sagen hätte als ihm die gegebene Zeit lässt, nimmt uns Hans Nieswandt an die Hand und führt uns zielsicher an die Ereignisse und  Orte mit dem größten Symbolgehalt. Zu Verstehen wie sich Soul, Funk und Rock via Disco zu House und Techno entwickelt haben oder was Frau Antje, George Mc Crae und die Frau aus der Fa Werbung miteinander gemeinsam haben ist das eine, die ungeklärte Frage warum fast alle frühen New Yorker Disco-Pioniere an der Schwelle von den 60er- zu den 70er-Jahren schwule Italiener, deren Namen mit einem o endeten waren das andere. Egal wie intensiv die Auseinandersetzung mit einem Thema war, ein kleines Geheimnis wird wohl immer bleiben. Das ist das schöne an der Kunst - und an diesem Artikel.

Text: Frank Spilker


Music Journalist of the Year (International)

Alexis Petridis

Alexis Petridis gewann als „head pop and rock critic“ für den britischen Guardian und als Music Editor für das GQ Magazin acht Mal hintereinander von 2005-2012 den „Record Reviews Writer of the Year“-Award. 2010 schaffte er es bei einem britischen Blog auf Platz 53 der „100 worst people on Twitter“. Das Glück auch der Jury des International Music Journalism Awards scheint es folglich zu sein, dass Alexis Petridis in seinen Musikbeiträgen meist mehr als 140 Zeichen zu Verfügung stehen, gelingt es ihm doch immer wieder, um die 70 Jahre Popkultur mühelos in den Kontext einer Plattenkritik einfließen zu lassen (Arcade Fire in logischer „Consumerism“-Kritik von The Who bis U2), ohne einen besserwisserischen Zeigefinger zu heben, mit geschliffener (Bild-)Sprache („the musical equivalent of a scented candle“) und eloquenten Wortspielen („California gleaming“) dennoch im Register eben jener Popkultur zu operieren und die eigene Meinung auf ganz und gar britische Art und Weise mit einem wissenden Augenzwinkern nicht allzu ernst zu nehmen. Alexis Petridis gewinnt die Kategorie „Music Journalist Of The Year International“, weil gekonnter Musikjournalismus in der Kombination aus krediblem Sender und einem Rezipienten liegt, dem auf griffig-kurzweilige Weise ein Blickwinkel auf Neues vermittelt wird. Wenn das so unterhaltsam und zugleich so informiert wie in den Beiträgen von Petridis geschieht, dann ist das durchaus eine weitere Auszeichnung wert.

Text: Birte Wiemann


Music Journalist of the Year (German Language)

Linus Volkmann

"NEIN!!! Nicht schon wieder Linus Volkmann!" Ein Schrei gellt durch den Raum, als sich bei der Entscheidungsfindung der Jury im Rennen um die Krone ein alter Bekannter deutlich vom restlichen Teilnehmerfeld abzusetzen beginnt. Doch was soll man machen? Nicht ohne Grund bringen unterschiedlichste Seiten diesen Mann ins Gespräch, sobald es um wertigen, informativen, allem voran aber elend unterhaltsamen Musikjournalismus geht. Ob als Strippenzieher hinter dem (für sich allein schon preiswürdigen) Kaput-Magazin, als Reporter, Kritiker oder als Autor: Linus Volkmann beschreitet innovative Wege. Regelmäßig findet er immer neue Kanäle, um seine allzeit mit Ecken und Kanten behaftete Meinung an sein Publikum zu bringen. Zudem bezirzt er mit der völligen Abwesenheit von Angst, sich zum Horst zu machen. Deswegen: "YEPP!!! Schon wieder Linus Volkmann."

Text: Dani Fromm


Music Journalistic Work of the Year (Under 30)

Isabelle Klein: „Pop ist kein weißer heterosexueller Mann – Multimedia-Projekt über Diversität im Pop“ (mit Andre Beyer)

Noch immer assoziieren wir mit „Journalismus“ viel zu oft schwarze Schrift auf weißem Blatt, vielleicht noch angereichert mit ein paar Bildchen und – neuerdings – mit einer Handvoll weiterführender Links. Viel zu oft erwarten wir vom „Musikjournalismus“ eine mehr oder minder informierte Rezension oder eine Standardreportage über Künstlerinnen und Bands im Studio oder auf Tour. Mit ihrem Multimedia-Projekt werfen Isabelle Klein und Andre Beyer diese tradierte Erwartungshaltung  ganz unprätentiös über den Haufen und erlauben es der Leserin, einen eigenen Flow zu entwickeln, hier zu naschen, dort per Video tiefere Einblicke zu erhalten und trotzdem auf gut verdauliche Weise eine Message mit auf den Weg zu bekommen, die die Leserin sich – subtil geführt und immer unterhaltsam – eigenständig erarbeitet. Da darf eine Band auch offensichtlich keine Lust auf Interviews haben, da werden popkulturelle Studien herangezogen und Graphiken publiziert und tief in sämtliche Ecken einer Musikwirtschaft geleuchtet, die aus so viel mehr besteht als nur Künstlerinnen auf der Bühne. Wenn Popkultur der Motor des Wandels in der Perzeption von Geschlechterrollen ist und die Macht hat, eine Gesellschaft zu verändern, dann ist Journalismus ein essentieller Teil dieses Motors. Wir reden hier von Journalismus in der Art von Isabelle Klein und Andre Beyer.

Text: Birte Wiemann


Jan Kawelke: "Raps große Depression - My own worst enemy"

Für seinen Essay "Raps große Depression", erschienen in Ausgabe #179 der Juice, setzt Jan Kawelke zwei Themenkreise in Verbindung, die auf den ersten Blick wenig gemein zu haben scheinen: psychische Erkrankungen und Hip Hop. Der Autor verankert die aktuelle Flut von Rap-Tracks, in denen Künstler ihre dunkelsten Abgründe offenbaren, nicht nur in einer Genre-geschichtlichen Tradition, sondern beleuchtet darüber hinaus den politischen, sozialen und kulturellen Kontext. Seine größte Leistung besteht darin, sperrige Zusammenhänge zu analysieren und zu erklären, ohne sich im Wissenschaftlich-Verkopften zu verstricken. Kawelke plädiert gut recherchiert und kenntnisreich gegen Tabuisierung eines so persönlichen wie gesamtgesellschaftlichen Problems. Er positioniert sich gegen die Stigmatisierung derer, die auch so schon genug mit ihrem "own worst enemy" zu ringen haben. Angefangen bei Biggie über Kanye West, Kid CuDi, Future oder Danny Brown bis hin zur aktuellen Galionsfigur des reflektierten Lyricism, Kendrick Lamar, würdigt sein Text diejenigen, die den Mut besitzen, ihren Kampf nicht nur hinter verschlossener Tür, sondern auch öffentlich auszutragen: ein lesenswertes Stück Musik-Journalismus, keineswegs nur für Kopfnicker.

Text: Dani Fromm


Felix Unger: „Now We Can Listen To Anything – Wie sich die Musikszene in Tunis selbst entdeckt.“

Felix Unger ist ein junger Musikjournalist, der in Berlin lebt, studiert und selbst Musik macht. In seinem Artikel „Wie sich die Musikszene in Tunis selbst entdeckt“ für das Online-Magazin SPAM erzählt er eine Geschichte über die Musikszene einer Stadt, die sowohl politisch als auch kulturell total im Umbruch ist. Felix Unger geht nicht, wie im Musikjournalismus leider Gang und Gäbe, von Tonträgern und Informationen aus zweiter Hand aus, sondern er war vor Ort. Er enthält sich auch aller Schwärmereien und Verklärungen, sondern setzt sich investigativ mit dem Puls des Musikbiotops Tunis auseinander. Seine ebenso spannende wie authentische Reportage bringt dem deutschen Leser eine Szene näher, die vor dem Hintergrund politischer Zuspitzung so völlig anders tickt als Musik hierzulande, wo Kultur – wenn auch in rückläufigem Maße – immer noch als gesellschaftliches Gut angesehen wird. Es reicht Unger aber nicht aus, eine Bestandsaufnahme der Szene von Tunis vorzunehmen, sondern es gelingt ihm, Beweggründe, Motivation, Infrastruktur, gesellschaftliche Hindernisse, wie auch den Alltag von und die Gefahren für Musiker und deren Umfeld darzustellen. Beim Lesen ergibt sich unweigerlich der Eindruck, man selbst würde auf überfüllten Straßen in verbeulten Autos durch die Schlaglöcher holpern und in dunklen Hinterzimmern abgestandenen Rauch einatmen. Bei allem intuitiven Einfühlungsvermögen für „das Andere“ verlässt sich Unger nicht allein auf seinen eigenen Blickwinkel, sondern er lässt zahlreiche Protagonisten der maghrebinischen Metropole zu Wort kommen und bringt deren Aussagen in einen Kontext, mit dem sein mitteleuropäischer Leser etwas anfangen kann. Der Text ist ebenso Draufsicht wie Innenansicht. So wirft Unger ein überaus lebendiges und vielschichtiges Schlaglicht auf eine Musikszene, die gerade erst im Entstehen ist und lässt den Leser mitstaunen. Aus der Totale des eigenen Erlebens geschrieben, liest sich Felix Ungers Bericht über die Musikszene von Tunis wie ein Road Movie in Worten.

Text: Wolf Kampmann

 

 

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