Kreative Computer?


Mittwoch, 20. September 2017 @ Festival Village/ Dome

Alle Zusammenfassungen der Creative Tech Sessions

Speaker: Konstantin Konstantinidis (Founder/ Managing Director, Metrobass, Deutschland)

Hier geht es zum Programm. 

 

 

Der erste Tag der Reeperbahn Festival-Konferenz wurde von Songwriter und Produzent Dave Stewart eröffnet. Auf der Bühne des brandneuen Festival Domes teilte er seine Vision zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Musikindustrie.

Am besten bekannt ist Stewart als eine Hälfte von Euythmics, dem erfolgreichen Rock- und Pop-Duo, das er gemeinsam mit Annie Lennox gründete. Gemeinsam feierten sie ab den Achtzigern 20 Jahre lang Charts-Erfolge.

Stewart erinnerte sich daran, wie er sich als junger Musiker, gelegentlich unter dem Einfluss von LSD, die Zukunft vorstellte. Eine Zukunft, in der Menschen durch künstliche Intelligenz ersetzt wurden. Lest ein wenig weiter, um herauszufinden, ob da was dran ist (Eurythmic nehmen im Video zu Love Is A Stranger aus dem Jahr 1983 Bezug darauf).

Im Jahr 2017 existieren Roboter in ihrer bislang fortschrittlichsten Form (das YouTub-Video Sophia Awakens liefert den Beweis). Und angeblich werden wir schon 2023 wissen, wie die menschliche Psyche funktioniert. Es sei daher nicht weit hergeholt, sich eine Zukunft vorzustellen, in der Roboter Songs schreiben können. Was werde in einem solchen Fall aus den Songwritern?

Und wenn Visa Finanzgeschäfte in 1.4 Sekunden verarbeiten kann, wieso müssen Künstler dann monatelang auf ihre Tantiemen warten?

Eine Frage, der sich das nächste Panel widmete: Blockchain Unchained. Eine Reihe von Experten diskutierte darüber, welchen Platz die Blockchain in Stewarts Vision von der Zukunft hat.

Zur langwierigen Ausschüttung von Tantiemen äußerte sich Kai Freitag von der GEMA. Er sagte, es sei gar nicht so einfach, Künstler zu bezahlen. Ob Blockchain die Antwort sei? Aus technologischer Sicht seit es sehr interessant, aus Geschäftsperspektive dagegen sei es schwer zu erkennen, wie man es in das Alltagsgeschäft der Verwertungsgesellschaft implementieren könne, so Freitag.

Blockchain könne erst dann helfen, Künstler fair zu bezahlen, wenn alle, die in den Vertrieb von Musik involviert seien sich einig würden, so Peter Harris, Gründer von Resonate. Er sprach damit digitale Service Provider, Verwertungsgesellschaften, Verlage und Labels an.

„Das Problem sind die Datensilos in den verschiedenen Sektoren,“ so Harris. In dem Moment, in dem man bei Spotify Play klicke, generiere man bereits eine Tabelle, die völlig veraltet sei.

Die Transparenz, welche die Blockchain mit sich bringen würde, sei nicht im Interesse von Firmen, die seit Lebzeiten daran arbeiten, das Innenleben ihrer Transaktionen geheim zu halten, argumentierte Stewart.

Seine Lösung sieht vor, ein auf Blockchain basierendes Portal für die unabhängigen Nachwuchs-Musiker zwischen 15 und 25 zu entwickeln, welches ihnen erlaubt, Songs hochzuladen, dafür bezahlt zu werden und ihre Fandaten zu behalten.

Wenn man diesen Markt erst kontrolliere, könne man mit den etablierten Firmen ins Gespräch gehen, ums sie davon zu überzeugen, die Technologie zu adaptieren, so Jack Spallone von der Blockchain-Plattform Ujo music. Die Alternative sei, die Branche verkümmern zu lassen.

Um die Zukunft der Live-Branche ging es im Vortrag von Lars Olive Vogt, dem Präsidenten von Live Nation Brand Partnership & Media GSA. Er teilte seine Einschätzung des Potenzials von Live Musik in Kombination mit Virtual Reality.

Es sei schon immer Teil der Strategie von Live Nation gewesen, Musikfans zu erreichen, die es nicht aufs Festival schaffen. Dabei spiele VR eine wichtige Rolle. Analysten sagen voraus, dass der VR-Markt bis 2020 bis zu 40 Millionen US-Dollar wert sein soll, die Hälfte davon werde für die Software ausgegeben.

Viele Marken verkauften Hardware, die sich wiederum nicht ohne die Software verkaufe. Live Nation wolle in dem Bereich ein Pionierunternehmen sein. „Wir wollen der führende Produzent von Musikinhalten in der VR-Welt sein,“ so Vogt.

Live Nation kooperierte bereits mit der Deutschen Telekom im Rahmen der Projekts MagentaMusik 360°. Rock am Ring, Parookaville und Wacken Open Air wurden mit 360°-Kameras aufgezeichnet und live gestreamt. Dadurch gewann Live Nation auch Einblick in die Herausforderungen von VR.

Die Technologie befinde sich noch in ihren Kinderschuhen. Vor der Massenadaption müsste sich daher noch einiges verbessern, darunter die Geschwindigkeit, die Speicherung der gigantischen Massen von Daten sowie Einstellung der Künstler und Roadies zu zusätzlichen Kameras auf der Bühne.

Auf Vogts Vortrag folgte eine Diskussionsrunde mit Steven Hancock, dem Mitgründer und COO von Melody VR, Michael Brill, SVP of new business development bei SMG Entertainment Deutschland, und Salvatore Vanasco, CEO Xailabs.

Hancock war sich sicher, dass das virtuelle Erlebnis, egal wie realistisch, niemals das klassische Live-Erlebnis ersetzen werde, sondern dass es sich lediglich um eine weitere Möglichkeit, eine Live-Veranstlatung zu erleben, handle. VR-Vorstöße in die Britische Premiere League hätten gezeigt, dass die Zuschauerzahl nicht zurück gegangen sein, sondern lediglich den Millionen Fans im Ausland die Chance gaben, das Spiel mitzuverfolgen.

Aktuelle Schätzungen rechnen mit dem Verkauf von 300 Millionen VR-Headsets bis 2021, viele davon Smartphone-kompatibel. Hancock hat vor, die entsprechenden Lizenzvereinbarungen zu klären, um all diesen Usern Entertainment-Inhalte zu liefern. Sein Unternehmen hält sich nicht mit der Rücklizenzierung bestehender Inhalte auf, sondern kreiert gemeinsam mit Künstlern neues Material. „Wir wissen, wer das Geld bekommt. Wir müssen uns nicht auf eine Jahrhunderte lange Suche nach den Rechteinhabern machen“, erklärte er.

Laut Vogt sei mit einem VR-Modell im Live Entertainment-Bereich, mit dem sich Geld verdienen lasse, in den nächsten vier bis fünf Jahren zu rechnen. Sobald die Inhalte attraktiv genug seien, würde sich auch die Harware verkaufen. „Künstler verstehen das Medium mittlerweile“, so Vogt, der dabei an Künstler-Dokus aus nächster Nähe und virtuelle Meet and Greets dachte. Laut Hancock werde die schiere Markgröße von VR „uns alle umhauen. VR wird in jedem Aspekt des Lebens zu finden sein.“

Martyn Ware, Gründer von Illustrious, den Erfindern eines einzigartigen 3D Surround Sound Systems, holte das Publikum zurück in die Gegenwart. In einem Vortrag namens The Future of Music in Urban Environments, führte er durch einige der Projekte, an denen er über die vergangenen Jahre arbeitete. Darunter befanden sich eine Sound-Installation in einem Einkaufszentrum, welche die Illusion erweckte, dass der Weihnachtsmann in seinem Schlitten durch das Gebäude schoss, eine Installation an Londons Millenium Bridge, welche Fußgängern die Geschichte der Themse näher brachte, oder Lautsprecher auf Marktplätzen, die eine angenehme Klanglandschaft im Trubel der Stadt erzeugten.

All diese Installationen eigneten sich, um Leute dazu zu bringen, länger an einem Ort zu verweilen, erklärte Ware.

Eine solche Klanglandschaft wurde in der Englischen Küsten- und Partystadt Brighton eingesetzt, um die Leute zu beruhigen. Es funktionierte: die Zahl von Verhaftungen und Beschwerden konnte drastisch reduziert werden. In Zeiten, in denen Städte immer voller und lauter werden, könne 3D-Sound urbane Umgebungen angenehmer machen, so Ware.

Und er fügte hinzu, dass nicht alles auf virtuellem, digitalem Weg erlebbar sei, sondern dass sich Menschen stets nach realen, gemeinschaftlichen Erlebnissen sehnen würden.

Der nächste Vortrag beschäftigte sich unter dem Titel Kreative Computer mit der Frage, wie weit die Humanisierung von Maschinen gehen kann. Metrobass-Gründer Konstantin Konstantinidis erklärte, inwiefern Künstliche Intelligenz bereits in der Lage sei, Menschen im Bereich Musik zu imitieren.

Er zeigte einige Beispiele, wo KI Musik und andere Formen von Kunst kreiert, und fragte sich, ob wir am Beginn einer neuen Ära stünden. Einige Beispiele waren beeindruckend, etwa eine Duett-Maschine, die einen Klavierspieler begleiten kann, oder eine intelligente Loop-Maschine. Musikalisch reichte jedoch keine der Maschinen an die Raffinesse eines menschlichen Komponisten heran. Die „Lernkapazität“ der Maschinen war zwar groß, doch es wurde deutlich, dass eine menschliche Komponente notwendig ist, um aus dem Output der Maschine Kunst zu machen.

Ein französischer Künstler namens Benoit Carré nahm ein ganzes Album mit der Hilfe von KI auf. Genauer gesagt, mit den Algoritmen der Flow Machines, die von Sonys Computer Science Laboratory entwickelt wurden. Um einen Song mit Flow Machines zu kreieren, wählt man Style und Künstler aus, die Maschine erstellt daraufhin die Musik.

Dies werfe einige Fragen auf, so Konstantinidis: wem gehören die Urheberrechte eines KI-Songs? Was, wenn jemand ohne musikalisches Talent KI verwendet, um einen Song zu „schreiben“? Vielleicht erhalten wir schon bald eine Antwort...Spotify hat sich kürzlich einen der Mitarbeiter geangelt, die an and der Entwicklung von Sonys Flow Machines beteiligt waren.

Zum Abschluss des ersten Konferenz-Tages betrat Tom Ammermann die Bühne im Festival Dome, der Gründer von New Audio Technology sowie akustisches Mastermind hinter Kraftwerks 3D-Projekt. Bandmitglied Fritz Hilpert hatte die Idee, die Studioversionen der Kraftwerk-Songs mit Live-Elementen zu mischen, um einen lebhafteren Sound zu erzeugen. Es war Ammermanns Job, Kraftwerks gesamten Katalog anschließend in 3D Surround Sound aufzubereiten.

Die Band ging auch auf Tour, und nistete sich in jeder Spielstätte acht Tage lang ein, um jeden Tag eines der acht Kraftwerk-Alben in voller länge zu präsentieren. Und zwar die von Ammermann produzierten Versionen, die mit Dolby Atmos und Headphone Surround 3D kompatibel sind. Während seines Vortrags spielte Ammermann immer wieder Songs vor, und gab anschließend Shopping-Tipps für die beste Hardware, um 3D Surround Sound zu genießen.

Ammermann riet den Produzenten im Publikum, Musik in 3D-Audio zu produzieren. Seiner Meinung nach würden qualitativ hochwertige Versionen einer Musikaufnahme den Wert der Aufnahme steigern. Künstler könnten folglich auch mehr Geld für eine solche Aufnahme verlangen.

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